Die Hauptorgel der Stadtkirche in Wermelskirchen

Geschichtliches und Neuigkeiten über unsere Orgel finden Sie auf dieser Seite.

Spendenstand am 07.04.2019: 59.037,89 €

Zielsetzung: 100.000 €

 

Unterstützen Sie die Orgelsanierung der Hauptorgel in Wermelskirchen mit einer zweckgebundenen Spende über den Förderkreis für Ev. Kirchenmusik. Zweckgebundene Spenden kommen ausschließlich dem von Ihnen gewünschten Verwendungszweck zugute.

Zu diesem und zu weiteren Spendenzwecken haben wir eine eigene Hompage installiert:

www.wir-für-ekwk.de

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Spendenzweck: „Orgelsanierung“.

Über Ihre Spende/Mitgliedsbeitrag (steuerlich absetzbar) erhalten Sie zu Beginn des nachfolgenden Kalenderjahres eine Spendenbescheinigung.

Den Flyer „Mein Ton in unserer Orgel“ über die Pfeifenpatenschaften

finden Sie hier:  Flyer Orgelpaten

Zusammen mit weiteren Inhalten dieser Homepage informiert unser Flyer über das Projekt und konkrete Spendenmöglichkeiten (Pfeifenpatenschaften).

Maßnahmebeschreibung ORGEL Evangelische Stadtkirche Wermelskirchen

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Orgel der Stadtkirche Wermelskirchen, Zustand 2016

„Eine Kirche ohne Orgel ist wie ein Körper ohne Seele!“ So hat Albert Schweitzer die Bedeutung der Orgel ausgedrückt. Mozart nannte sie die „Königin der Instrumente“. Wenn die Orgel im Gottesdienst schweigt, fehlt vielen Menschen etwas.

Im Gegenüber zur Kanzel nimmt die Orgel eine wichtige Aufgabe wahr: Sie spricht mit ihrer Verkündigung die Sinne der Menschen an. Das geschieht nicht nur, wenn ihre Klangvielfalt den Kirchenraum erfüllt. Auch ein Orgelgehäuse kann mit Schriftbändern, Bildern oder Statuen etc. vom Glauben erzählen.

In den Gottesdiensten in der Stadtkirche in Wermelskirchen hat das Orgelspiel seit über 300 Jahren einen festen Platz. Es umfasst das Intonieren und Begleiten des Gemeindegesangs, Vor- und Nachspiele weisen auf den Charakter des jeweiligen Feiertages.

Die Stadtkirche und die Kirmes

Vermutlich wurde schon vor dem Jahr 900 ein kleines Kirchlein am Ort der heutigen Stadtkirche errichtet. Es werden nur ein paar Häuser um die Kirche gestanden haben. Im Umfeld des Kölner Erzbischofs Gunter gab es um das Jahr 885 herum einen Mann mit Namen Werinbold, der die Kirche, den Ort und den Namen von Wermelskirchen geprägt haben könnte. Als das Dörfchen wuchs, wuchs auch die Kirche mit. Man erbaute eine dreischiffige Basilika, die dem Apostel Bartolomäus geweiht wurde. Das katholische Andreasstift in Köln war zuständig für die Ernennung eines Pfarrers und die Verwaltung der Pfarrei. Im Jahr 1510 sollen etwa 2000 Menschen hier gewohnt haben, die sich auf drei Hofschaften (ehemals Hundtschaften: ein Bezirk mit 100 Familien) verteilten.

Eine große bauliche Ähnlichkeit unserer früheren romanischen Basilika St. Bartholomäus zur etwa zeitgleich errichteten und noch in großen Teilen erhaltenen Pfarrkirche St. Nicolaus in Wipperfürth ist nicht zu übersehen. Auf der verlinkten Seite kann sich der Betrachter in etwa ein Bild von der vormaligen inneren und äußeren Anmutung unseres Kirchenschiffs verschaffen. Bei einem Gang durch St. Nicolaus ist der Atem des Mittelalters durch die Erhabenheit der Architektur auch heute noch deutlich zu spüren.

Am 19. Juni 1596 gestattete Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg durch eine Urkunde den Einwohnern des Dorfes Wermelskirchen einen Jahrmarkt abzuhalten. Ihr Ursprung war das Kirchweihfest (Kirmes = Kirchweihmesse) des damaligen Schutzpatrons St. Bartholomäus, dem 24. August. Daher wird die große Herbstkirmes immer an dem Wochenende um den letzten August-Sonntag gefeiert. Zu dieser Kirmes gehört seit einigen Jahren auch ein 12-Stundenkonzert in Verbindung mit einem Mittelaltermarkt, das die Evangelische Kirchengemeinde veranstaltet. Der Erlös dieses Festtages ist regelmäßig für die Renovierung und Erweiterung des vorhandenen Instrumentes bestimmt.

Die drei Wappenteile stehen für die drei ehemaligen Hofschaften, aus denen Wermelskirchen entstanden ist, das Kirchdorf mit der Stadtkirche, die Eich und der Schwanen. Die Mauerkrone ist der heraldische Ausdruck für den Status einer Stadtgemeinde.

 Die Barockorgel der Stadtkirche

Nach vielen Jahren einer auf die Reformatoren Zwingli und Calvin zurückgehenden Kirchenmusik- und Orgelfeindlichkeit, bekommen zahlreiche Kirchen erst nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges ab der Mitte des 17. Jahrhundert erneut oder erstmals eine Orgel. Dazu gehört auch die alte romanische Basilika in Wermelskirchen, die Reformierte Kirche.

Da über ein älteres Vorgängerinstrument aus der katholischen Epoche keine Aufzeichnungen bekannt sind, beginnt für die Darstellung der Geschichte einer  ersten Stadtkirchen-Orgel um 1713. Als Erbauer gelten der Ratinger Orgelbauer Peter Weidtmann (1647-1715) oder dessen Sohn Thomas (1675-1745). Von diesem Instrument ist heute nur noch die Fassade, der sogenannte Prospekt, erhalten geblieben.

Bergische Barockorgel der Gebr. Kleine, Eckenhagen

Das Wahrzeichen Wermelskirchens, der stattliche und durch seine architektonische Gliederung aufwändige Turm der Stadtkirche, erzählt noch heute von einer besonderen Bedeutung dieses Gotteshauses vor und nach der Reformation.

Es verwundert, dass die Stadtkirche in Wermelskirchen nicht mit einem prächtigen, barocken Orgelwerk, sondern mit einem auffallend spartanischen Instrument ausgestattet wurde. Anders als in manche Orgel in vergleichbaren Kirchbauten, z.B. in Eckenhagen (die Gebr. Kleine Orgel von 1794 wurde 2008 für 350.000 Euro restauriert) oder in Lennep, je mit deutlich über 30 Registern, wurde das Wermelskirchener Instrument für die große Kirche deutlich unterdimensioniert als kleine Dorfkirchenorgel, wie sie im 18. Jahrhundert vom Niederrhein bis ins Bergische Land in entsprechenden Kirchenweit verbreitet war, einmanualig und ohne eigene Pedalregister konzipiert.

Ungewöhnlich war die, an den Ansprüchen der Raumgröße, klein gewählte Registeranzahl von 10 Stimmen und – gegenüber anderen Weidtmann-Orgeln – ein sogar noch verringerter Tonumfang des Manuals (C,D-h²). Ein dialogfähiges Nebenmanual und ein klingendes Pedal wurden nicht berücksichtigt.

Eine eindeutige Erklärung für diese „Besonderheiten“ der Wermelskirchener Orgel gibt es nicht. Es ist anzunehmen, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Orgelnutzung im reformierten Wermelskirchener Gottesdienstgeschehen strenge Einschränkungen auferlegt waren. Wie auch in anderen reformierten Gemeinden, durfte zumeist nur psalmgebundene Gebrauchsmusik gespielt werden. Die Darstellung der Werke der berühmten nord- und ostdeutschen Orgelkomponisten war oft nicht gewünscht. Dort, wo man keine „modernen“ barocken Virtuosenwerke hören mochte, mag man vielleicht die dazu nötigen Klangfarben und Tasten gar nicht erst installiert haben.

König-Orgel Kloster Steinfeld, Eifel

Die Weidtmanns haben eine Anzahl dieser kleinen einmanualigen Orgelwerke hinterlassen, die einander in Größe und Gestalt ähnlich waren. Schaut man sich beispielsweise im Kloster Steinfeld das 1678 durch den Klosterbruder Michael Pirosson errichtete Hauptorgelgehäuse an, scheint es, als habe sich Peter Weidtmann vielleicht dort für die Gestaltung seiner eigenen Orgelgehäuse, an denen man seine Instrumente auch heute noch zielsicher erkennen kann,  „inspirieren“ lassen.

Der Prospekt der Hoerstgener Thomas-Weidtmann-Orgel aus dem Jahr 1731 (Quelle: derwesten.de) zeigt deutliche Ähnlichkeiten mit der in Wermelskirchen erhaltenen Fassade. Ob die Wermelskirchener Orgel front-, seiten- oder hinterspielig war, hängt von der ursprünglichen Einbausituation auf der Empore ab und wurde nicht überliefert. Der originale Spieltisch könnte so wie auf dem hinterlegten Bild (Quelle: rp-online.de) ausgesehen haben.

Orgel in ORSOY DSCI018700000

Weidtmann Orgelgehäuse in Orsoy

Ein weiterer „Zwilling“ unserer Orgel befindet sich in Rheinberg-Orsoy. Auch das dortige Instrument wird dem Orgelbauer Peter Weidtmann zugeschrieben. Es wurde im Jahr 1680 installiert. Das Rückpositiv der Orsoyer Orgel ist eine Erweiterung aus dem Jahr 1855. Leider sind sowohl in Orsoy als auch in Wermelskirchen keine historischen Orgelpfeifen mehr vorhanden. 2015 wurde in Orsoy ein technischer Neubau für ca. 230.000 Euro durch die Firma Speith unter teilweiser Wiederverwendung von Peterschem Pfeifenmaterial seiner Bestimmung übergeben. Hinzu kamen Kosten von etwa 100.000 Euro für eine neu gebaute Empore.

Auf einer Internetseite wird die Weidtmann – Orgel der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Hilversum  gezeigt, die mehrfach weiterverkauft wurde, jedoch ihre historische Anmutung und ihr angehängtes Pedal beibehalten hat.

Neubau des Kirchenraums der Stadtkirche

Im Jahr 1838-39 wurde durch Abriss und Neubau des Kirchenschiffes der Stadtkirche in Wermelskirchen mehr Raum für eine anwachsende Gemeinde geschaffen. Auf den weiterverwendeten romanischen Fundamenten wurde ein klassizistischer Raum mit hoch angesetzten Umlaufemporen aufgebaut. Parallel dazu vollzog sich durch Preußischen Einfluss der Zusammenschluss von Reformierten und Lutheranern zur einer unierten, evangelischen Gemeinde.

Orgel 1875 / Quelle: Bildarchiv des Bergischen Geschichtsvereins Wermelskirchen

Orgel 1875 / Quelle: Bildarchiv des Bergischen Geschichtsvereins Wermelskirchen

Die Union der Bekenntnisse hatte offenbar auch zu einer gewissen Pluralisierung der Kirchenmusik und daraus resultierenden baulichen Maßnahmen geführt, die dann im Erweiterungsbau der Kirche berücksichtigt wurden.

Der Geschichtsverein Wermelskirchen hat die beiden hier gezeigten, 1875 entstandenen Fotografien zur Verfügung gestellt. In dieser Phase des Bestehens ist das Instrument seitenspielig. Es besitzt nun, gegenüber seiner ursprünglichen Gestalt, einen in der Breite erweiterten Prospekt. Da diese Verbreiterung zur Unterbringung des Pfeifenwerkes unnötig gewesen wäre, stellt sich die interessante Frage des Warum? Sollte die Orgel nur etwas wuchtiger wirken? Wollte man den Blick von der Kanzel auf den romanischen Turm mit seiner vorreformatorischen Geschichte zubauen?

Trotz der Volumenvergrößerung des Kirchenraumes wurde das kleine Barockinstrument aus dem Vorgängerbau übernommen. Es mag nach langer Nutzung überholungsbedürftig und unmodern gewesen sein, doch hielt man anstelle eines angemessenen Neubaus an der alten Orgel fest.

1839 wurde Christian Roetzel (*1776; †1867) mit Restaurierungs- und Erweiterungsabeiten am Orgelwerk betraut. Er war Orgelbauer im oberbergischen Land und lebte in Alpe. Im Zusammenhang mit Roetzels Umbauten wurde der Orgelprospekt von einem nicht benannten, einheimischen Schreiner verbreitert.

Wie man rechts im Hintergrund eines in den 1960er Jahren entstandenen Fotos sehen kann, wurde das Orgelwerk ganz an die Turmwand gerückt (Quelle: Robert Wehn). Interessanterweise wurde der vormals sichtbare Triumphbogen mit Hilfe von Wandverkleidungen nunmehr vollständig unsichtbar gemacht. Die Tiefe der Orgel betrug maximal ca. 100-130 cm. Da der Unterkasten der Orgel vom Nebenwerk eingenommen wurde, muss sich die Balganlage in der hinterseitgen Michaelskapelle befunden haben. Man entschloss sich zu diesen Maßnahmen, um vor der Orgel genügend Platz für eine Chortribüne zu gewinnen und so ein gemeinsames Musizieren eines bis zu 45 Personen starken Chores und der Orgel zu ermöglichen. Durch die Positionierung des Unterwerks im Rücken des Chores konnten beide Klangkörper von nun an eine musikalische Einheit bilden.

Das sowieso schon knapp disponierte, weidtmannsche Orgelwerk wurde noch um das aus der Mode gekommene, kurzbechrige Zungenregister (Vox humana) reduziert und im Tonumfang auf den im 19. Jahrhundert üblichen Tonumfang C-f³ erweitert. Das Instrument behielt seine ursprüngliche Stimmung im „Chorton“. Der Chorton liegt mindestens einen Halbton über der heute üblichen Stimmtontonhöhe.

Die Disposition lautete nach Roetzels Umbau:

Hauptwerk (9 Register)

Principal 8′

Bordun 16′

Gedact 8′

Gamba 8′

Octave 4′

Quinte 2 2/3′

Octave 2′

Mixtur

Trompete B+D 8′

Unterwerk (5 + zwei halbe Register)

Principal 4′

Gedact 8′

Violdigamba 8′

Principal D 8′

Lamento 8′ ab f

Flute traver 4′

Flageolet 2′

Noch immer wurde auf ein Pedal mit eigenen Registern verzichtet. Somit blieb das Instrument weiterhin für ein Literaturspiel nur sehr eingeschränkt nutzbar. Die Pedaltastatur wird aufgrund der geringen Gehäusetiefe einen reduzierten Tonumfang gehabt haben, vielleicht C-g°.

Es wird überliefert, dass 1869 eine „gründliche Erneuerung“ durch die Gebrüder Euler aus Gottsbüren durchgeführt worden sei. Was dort genau verändert wurde, ist bis heute unbekannt. Denkbar ist neben einer Renovierung die Anpassung an einen modernen Stimmton.

Der über 100 Jahre bestehende und zumindest für die Chorarbeit günstige Zustand erodierte nach Orgel 1875 Quelle: Bildarchiv des Bergischen Geschichtsvereins Wermelskirchenund nach. 1939 wurde die romantische Klanglichkeit des Orgelwerkes aufgegeben und durch ein von Walcker installiertes Instrument mit vorgebautem Rückpositiv ersetzt. Gleichzeitig oder spätestens mit dem Neubau Peter von 1968 verschwanden die Chortribünen gänzlich und der singende Chor wurde auf eine Seitenempore verlagert. Die aktuelle Peter-Orgel war aus verschiedenen Gründen für die Chorbegleitung nicht sonderlich geeignet. Aufgrund eines missverstandenen A-capella-Begriffs war zu dieser Zeit ohnehin eine vollständig unbegleitete Vokalmusik in Mode.

Seit dem Jahr 2013 musizieren alle Chöre wieder in einer ganz ursprünglichen Weise als sichtbarer Teil der Gemeinde von unten, vom Chorraum aus. Zur Chorbegleitung wurde bis heute noch keine befriedigende Lösung realisiert. Eine Chororgel wird schmerzlich vermisst und die reichhaltige Orgel+Chor-Literatur ist nicht adäquat darstellbar (vgl. hierzu den Artikel „Chororgel“ auf dieser Homepage).

Die Kriegsorgel von E.F. Walcker

Orgel Stadtkirche 1960Ein jüngeres Foto aus dem Jahr 1960 zeigt die 1939 durch die Firma E.F. Walcker aus Ludwigsburg erneut umgebaute Wermelskirchener Stadtkirchenorgel unter Weiterverwendung des vorhandenen Gehäuses. Deutlich zu erkennen sind ein freistehender, elektrischer Spieltisch und ein mit einem Freipfeifenprospekt gestaltetes Brüstungspositiv. Die Orgel war neobarock disponiert und mit 32 klingenden Registern ausgestattet. Die Steuerung erfolgte nach Walckers neuestem System „elektrisch“ (elektropneumatische Taschenladen). DSCI0019Der auf dem obigen Foto erkennbare, freistehende Spieltisch besaß drei Manuale und Pedal und ähnelte ansonsten der abgebildeten Konsole aus der Pauluskirche in Oberhausen-Lirich.

Die unten abgedruckte Disposition des Werkes zeigt eine für die sogenannte „Orgelbewegung“ typische Dispositon.  Mit diesem Begriff bezeichnet man eine vor allem in Deutschland verbreitete ideologische Strömung zur Wiederbelebung einer vermeintlich barocken Klangästhetik. Das Walckersche Werk ist daher vor allem für das Spiel solistischer, barocker Musik aus dem Blickwinkel der Zeit des Dritten Reiches ausgerichtet.

Die Darstellung romantischer Werke war zu dieser Zeit verpönt und blieb weitgehend außen vor. Als Gegenbewegung zur Romantik sollten bewusst weiche und füllige Klangfarben vermieden werden und hochliegende Stimmen einen klaren und durchsichtigen Klang erzeugen. Daher verbot sich auch die Ausstattung der Walcker-Orgel mit entsprechenden Klangfarben, wie z.B. Streichern.

Leider verbleibt ein guter Teil der Geschichte der Orgeln der Stadtkirche in Wermelskirchen nach wie vor im Dunkeln. Schon 1960 galten ältere Akten als verschollen. Nur die jüngste Geschichte des Verkaufs der Walcker-Orgel und die Planung und Ausführung der Peter-Orgel sind durch Schriftverkehr und Bauzeichnungen detailliert dokumentiert.

Disposition der E.F. Walcker -Orgel

Um weitere, bisher noch ungeklärte Geheimnisse unserer früheren Orgeln lüften zu können, suchen wir Menschen, die noch Fotografien oder andere Informationen besitzen und uns weiterhelfen wollen!

An dieser Stelle gilt unser Dank dem Orgelforscher Herrn Heinz J. Clemens aus Mönchengladbach, der uns im November 2018 mit einigen bis dahin unbekannten Informationen versorgte.

Der Orgelneubau von Willi Peter

Im Jahr 1969 wurde ein Neubau der Firma Willi Peter, Köln, unter Verwendung einiger historischer Prospekteile in Betrieb genommen. Die Orgel besteht bis heute und besitzt 28 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal.Hauptorgel

Die neue Orgel sollte die Bedürfnisse der Musizierpraxis der 1960-er Jahre erfüllen. Ein Instrument in der Art des ursprünglichen zu rekonstruieren, wurde dabei nicht angestrebt. Wohl aber sollte die ursprüngliche Fassade erneut weiterverwendet werden.

Das Petersche Konzept

Hauptorgel

Willi Peter ging den folgenden Weg: Das gewachsene, historische Gehäuse wurde aufgegeben, um das gewünschte Instrument realisieren zu können. Stattdessen wurde eine freie Nachschöpfung des vormaligen Weidtmann Gehäuses unter Weiterverwendung der historischen Fassade ausgeführt. Zur Bauausführung wurden jedoch zeitgenössische Materialien wie z.B. Sperrhölzer und Tischlerplatten verwendet.

Im Gegensatz zu einer historischen Anmutung wurden die Seitenfronten des Hauptkorpus stark vertieft, um außer dem Pfeifenwerk auch einen Stimmgang und einen Teil des Schwellpositivs aufzunehmen. Der Platz im ebenfalls neu hergestellten Unterkasten wurde mit einem Gebläsemotor und verschiedenen mechanischen und elektrischen Steuerkomponenten ausgefüllt.

In die Front der Orgel wurde ein ausladender und stilfremder und völlig unpassender Spielschrank eingefügt. Diesen Spielschranktyp baute Peter bei neuen Instrumenten häufiger ein, wo er erheblich besser mit dem Gesamtkonzept harmonierte.

Registertableau

Durch die baulichen Vorgaben des Barockprospektes musste ein für die große Stadtkirche recht eng mensurierter Prinzipal 8′ eingebaut werden. Durch eine außerdem knappe Intonation ist die Klangausbeute dieser Stimme unzureichend (leise). In der Konsequenz ergab sich ein im Gesamten viel zu schwaches Instrument.

Für das Pfeifenwerk des beim Neubau hinzugetretenen Rückpositivs wurde aus Tischlerplatten ein einfach strukturiertes, lackiertes Gehäuse errichtet und in die Brüstung gesetzt. Die Aufstellung von fünf installierten Registern erfolgte chromatisch und nicht der Gehäusevorgabe, wodurch etliche ungünstige Pfeifenverführungen und lange Kondukten (Versorgungsschläuche) notwendig wurden. In den 1980er Jahren wurde dem Werk ein helles Obertonregister „Quinte 1 1/3“ hinzugefügt.

Die Pfeifen des ebenfalls neu erbauten Schwellpositivs wurden hinterständig fast unsichtbar wie ein Rucksack oberhalb des Hauptgehäuses untergebracht. Das Werk enthielt sechs Stimmen, davon eine 6-fache (!) Mixtur auf 1 1/3′ Basis.

Zur Aufnahme des Pfeifenwerks des Pedals wurden zwei freistehende Pedaltürme links und rechts neben dem Hauptgehäuse installiert. Auch hier scheint die eingangs abgebildete Orgelanlage von Kloster Steinfeld in gewisser Weise Pate gestanden zu haben. Allerdings wirken die Proportionen der Pedaltürme in Wermelskirchen seltsam ungelenk und gedrungen. Ein Zungenregister in Achtfußlage wurde in den 1990-er Jahren ausgebaut und gegen eine gebrauchte Posaune 16′ mit halber Becherlänge ersetzt, die bei einer Orgelrestaurierung in Hückeswagen übriggeblieben war.

Die Klangästhetik der 1968er…

Alle Arbeiten an der Peter-Orgel der Stadtkirche Wermelskirchen standen wie schon beim Vorgängerinstrument unter dem Dogma der sogenannten „Orgelbewegung“. Woraus sich genau die Argumente schöpften, die vorhandene Walcker-Orgel abzubrechen und ein vergleichsweise ähnlich disponiertes Instrument zu bauen, ist aus heutiger Sicht unverständlich. Es ist auch bekannt, dass die für unbrauchbar erklärte Walcker Orgel an anderer Stelle wiedererrichtet und viele Jahre weiterverwendet wurde.

Die neue Peter Orgel besaß, ganz im Gegensatz zu erhaltenen Vergleichsinstrumenten Walckers, eine besonders kammermusikalische Ausrichtung. Ihr fehlte dadurch jedoch das Volumen, um den großen Kirchenraum angemessen zu füllen.

Dieser Umstand hatte zur Folge, dass eine Begleitung des Gemeindegesangs fortan nur recht leise oder eben sehr hell geschehen konnte und die Orgel weit „ausgefahren“ werden musste, um einigermaßen den Raum zu füllen. Dabei behalf sich ein Organist aufgrund fehlender oder schwacher Grundstimmen dadurch, dass er aus den drei vorhandenen Manualwerken halbwegs passende Register zusammensuchte und die Werke verkoppelte. Unterm Strich blieb so eine ermüdend klingende und kaum abwechslungsreich registrierbare, faktisch einmanualige Orgel übrig, die ihren Hörerinnen und Hörern nur wenige unterschiedliche Klangfarben anbot.

Schallpegelmessungen bestätigten den subjektiven Eindruck fehlender Klangfülle: Unsere Orgel erbrachte mit allen Registern (Tutti) in einem voll besetzten Gottesdienst gespielt, lediglich 78 dB/A. Begleitregistrierungen lagen in der Lautstärke weit darunter, bei kräftigem Singen sogar unterhalb der Hörschwelle. Im Vergleich dazu präsentierte sich die Kantorei mit stolzen 86 dB/A. Die (verstärkte) Sprechstimme unseres Pfarrers brachte angenehm wahrnehmbare 82 dB/A.

Im Oktober 2017 haben elektrische Sicherheitsmängel die Verantwortlichen dazu bewogen, die Peter-Orgel stillzulegen.

Die Orgel wurde wegen Brandgefahr stillgelegt!

10431480_10207566269257420_3789867379470785654_nWas also tun?

Im Juni 2016 hat das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Wermelskirchen beschlossen, dass unsere Orgel nach 50 Jahren Betriebszeit überholt und zur Erzeugung eines Klangs, der auch dem Volumen des Innenraumes unserer Stadtkirche angemessen ist, gründlich überarbeitet und erweitert werden soll. Von der Orgelberatung der EKiR wurden hierzu Konzepte entwickelt und die Voraussetzungen zu ihrer Umsetzung geschaffen.

Um das Orgelwerk Willi Peters ohne einschneidende Veränderungen erhalten zu können, wurde ein Erweiterungskonzept ersonnen, das im Kern aus der Hinzufügung einer wertvollen Orgel der Firma Peter Conacher aus Huddersfield besteht.

Bauliches

Die Zeit des Wartens erlaubte die Freiheit des Überdenkens und Hinterfragens des bisher geplanten Orgelkonzeptes.

Intensiv hat sich dazu die Orgelsteuerungsgruppe im zurückliegenden Jahr 2018 über die Gestaltung des zukünftigen Orgelkorpus und der Fassade beraten. In diese Planungen sollten die Ergebnisse eines bereits realisierten Vergleichsprojektes in Moers einfließen.

Die Aufgabenstellung war nun auch mehr als anspruchsvoll: Zum einen benötigen die zugekauften Bestandteile zusätzliches Raumvolumen, andererseits würde man gerne den Platz hinter dem jetzigen Instrument möglichst frei von Orgelteilen halten. Zur Lösung dieser Aufgaben wären zusätzliche Geldmittel für Umgestaltungsmaßnahmen der Orgel notwendig, die man bei früheren Überlegungen noch nicht vorgesehen hatte.

Die zugeschaltete Orgel- und Bauberatung des Landeskirchenamtes der EKiR (Dipl.-Ing. Architektin, Dipl.-Kommunikationsdesignerin Ilka Gebauer, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen und OSV Michael Müller-Ebbinghaus) haben dem Presbyterium im November 2018 ein bemerkenswertes, weil schlüssiges und einfaches Umgestaltungskonzept vorgeschlagen.

Das Konzept geht Hand in Hand mit der Planung, den Arbeitsplatz des Organisten von der Orgelanlage zu entkoppeln und an einen liturgisch günstigen Ort, den Chor- und Altarraum zu verschieben. Hierzu würde die Aufgabe des alten und der Bau eines neuen, freistehenden Spieltisches nötig.

Seit der Zurückverlegung der Orgel an die Kirchenwand und der Verbreiterung des Prospektes im Jahr 1839 wurde ein hinter der Orgel befindlicher Triumphbogen mit einer historisch überaus wertvollen, romanischen Doppelarkade aus dem 12. Jahrhundert dauerhaft verdeckt. Beide sind in der Zeichnung mit feinen Linien dargestellt und durch Anklicken in der Vergrößerung erkennbar.

Ein sehr wichtiger Aspekt der aktuellen Planungen ist daher die Wiedersichtbarmachung dieser romanischen Doppelarkade als Zugang zur Michaelskapelle. Hierdurch würde eine bauliche Situation geschaffen werden, die die zur Zeit nahezu unsichtbare Beziehung zwischen dem ottonisch-karolingisch inspirierten, romanischen Erbe aus dem 12. und dem neoklassizistischen Kirchenschiff aus 19. Jahrhundert wiederherstellt.

Unser Kirchenraum zählt wohl nicht zuletzt wegen seiner romanischen Bezüge zu den höchst seltenen Ausnahmen eines preußischen Kirchenbaus, der eine Apsis besitzt. Apsiden sind halbkreisförmig ausgebildete Nischen. Sie wurden bereits in römischen Bauten verwendet, um z.B. eine Kaiserstatue zu beherbergen. In Kirchenbauten befindet sich in der Apsis üblicherweise das Heiligtum, der Altar.

Apsis mit Kanzelwand und Kanzel

Der Bau einer Apsis ist einem reformierten Denken eigentlich vollkommen fremd. Dass er in Wermelskirchen dennoch realisiert wurde, ist bemerkenswert. In der Stadtkirche wurde der untere Teil der Apsis mit einer mit Lanzettenfenstern dekorierten Kanzelwand verschlossen und eine Umkleidekammer integriert. Der neuere Abendmahlstisch, in Form eines Kelches, wurde davor platziert.

Die Wermelskirchener Apsis befindet sich hinter einem Triumphbogen auf der östlichen Schmalseite der Kirche. Im oberen Teil ist der Blick auf das Gewölbe und gestaltete Fenster möglich. Eine geostete Ausrichtung schafft die Verbindung zum Sonnenaufgang, einem Symbol der Auferstehung.

Weiterhin stellt unsere „preußische Apsis“ über ihren Triumphbogen einen Bezug zum gegenüberliegenden, mittelalterlichen Teil der Kirche her und umrahmt vornehm die überhöhte Kanzel als prinzipales Ausstattungsstück des Ostteils der Kirche.

Der dem Kanzelraum gegenüberliegende, zweite Triumphbogen könnte wieder zur Geltung kommen, sobald den Blick störende Orgelumbauungen aus der zentralen Sichtachse herausgenommen würden. Dazu müsste man alle Orgelbestandteile, die nicht in den Hauptkorpus passen, auf neu zu schaffende, seitliche Podeste oberhalb der Treppenaufgänge stellen.

Eine zusätzliche Vorverlegung des Hauptorgelkorpus in die Brüstung würde die erhaltene romanische Doppelarkade von den Treppenaufgängen aus wieder erlebbar machen und einen angemessenen Zugang zur Michaelskapelle wiederherstellen. Durch diese Maßnahmen entstünde entgegen dem bestehenden Zustand ein wohlproportioniertes Gegenüber von Ecclesia und Musica.

Ohne zusätzliche Spenden- und Förderungsgelder wird trotz eines jüngst angehobenen Orgelbauvolumens nur ein Teil dieser beschriebenen Maßnahmen realisierbar sein.

Bitte klicken Sie das folgende Bild an und genießen Sie den Blick auf die Westempore.

Fotomontage: Vorschlag zum Umbau zur Brüstungsorgel, noch ohne ausgestalteten Unterbau

Ausblicke und Zukunftsmusik

Die Dinge verändern sich. Wer hätte wohl im Jahr 1713 gedacht, dass sich aus einer kleinen Organistenstelle, die von einem Dorfschullehrer versorgt wurde, im 20. und 21. Jahrhundert schon die dritte B- und A- Kantorenstelle in Folge entwickeln würde. Alle Kirchenmusiker haben einen merklichen Einfluss auf die Entwicklung des geistlichen Musiklebens in unserer Stadt gehabt. Letzlich trugen und tragen sie auch zur Entwicklung und zu Veränderungen der Kirchenorgeln bei.

Hierbei ist eine große Renovierung, wie sie alle 50 bis 100 Jahre ansteht, jeweils der geeignetste Zeitpunkt, nicht nur für die Konservierung eines womöglich aus der Mode gekommenen Orgeltyps, sondern vielmehr für die Weiterentwicklung eines Instrumentes mit einem kreativen Blick in die Zukunft zu sorgen.

Die Stadtkirche etabliert sich als größte Evangelische Kirche der Stadt immer mehr als ein Zentrum breitgefächerter, kirchenmusikalischer Aktivitäten (siehe auch diese Homepage). Mit dem geplanten Orgelerweiterungbau soll zum gottesdienstlichen das konzertante Orgelspiel neu erschlossen werden, welches sich in Wermelskirchen mangels geeigneter Instrumente bisher nicht entwickeln konnte.

Diese „Zukunftsmusik“ beginnt für die Mitarbeitenden im Fachbereich Kirchenmusik mit einer Nachwuchsarbeit mit den Kleinsten. So wird parallel zur Chorarbeit mit kleinen und großen Kindern, eine populare Orgelmusik mit ihren vielen verschiedenen Ausrichtungen vom Kinderorgelkonzert bis zum Jazzabend Einzug in den Musikbetrieb halten, sowie ein in Wermelskirchen noch unentdecktes klassisches Repertoire zur populären Musik werden. Die Musiker stehen schon jetzt in den Startlöchern. Unsere drei Maskottchen, Chorrabe Karl-Heinz mit Orgelix und Orgelinchen, warten schon ganz ungeduldig darauf …

 

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